Call für das Themenheft der HLZ "Interaktionale Kompetenzen und ihre Didaktisierung. Erkenntnisse aus der Hochschullehre und der Lehrer*innenbildung"

2026-01-05

Gastherausgeberinnen: Prof. Dr. Marta García García (Göttingen), Dr. Ann-Christin Leßmann (Bielefeld), Dr. Julia Sacher (Köln), Dr. Jenny Winterscheid (Karlsruhe)

Mündliche Kommunikation ist grundsätzlich als Interaktion zu verstehen, d. h. sie findet mindestens zwischen zwei Personen statt, beinhaltet neben verbal-lexikalischen auch nonverbale (Gestik, Mimik) und paraverbale (Stimmlage, Prosodie etc.) Elemente und konstituiert sich in Form kommunikativer Praktiken (u. a. Fiehler 2015). Wissen über die situativ angemessene Realisierung der jeweiligen Praktiken wird in der Sozialisation erworben; der gesteuerte Erwerb der entsprechenden interaktionalen Kompetenzen ist zudem Gegenstand von schulischem (Sprach-)Unterricht. 

Für (angehende) Lehrer*innen ist es daher entscheidend, im Rahmen von Aus- und Weiterbildung die (gesprächs-)linguistischen Grundlagen interaktionaler Kompetenzen kennenzulernen. Der Blick in die Unterrichtsrealität offenbart aber, dass Mündlichkeit und Interaktion in den Fächern sehr unterschiedlich konzeptualisiert, explizit gemacht und thematisiert werden: Im Deutschunterricht liegt der Schwerpunkt zumeist im Bereich der medialen Schriftlichkeit (lesen, schreiben bzw. im Bereich des Grammatikunterrichts; vgl. z. B. Behrens 2022, Fiehler 2015). Auch zeigt sich, dass die mündlichkeitsbezogenen Vorstellungen von (angehenden) Lehrer*innen häufig stark schriftsprachlich geprägt sind (vgl. z. B. Fiehler et al. 2004, Hoffmeister 2021, Sacher 2025). In den letzten Jahren ist jedoch der Bereich bildungssprachlicher Diskurskompetenzen aufgrund seiner Relevanz für gesellschaftliche Partizipation – fachübergreifend – ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt (vgl. u. a. Morek & Heller 2012, Quasthoff et al. 2021; für den Mathematikunterricht z. B. Zentgraf et al. 2021; für den Geographieunterricht vgl. z. B. Budke 2013). Im Fremdsprachenunterricht wird zwar bereits ein stärkerer Fokus auf die Mündlichkeit gelegt (vgl. Burwitz-Melzer et al. 2014, Konzett-Firth & Wojnesitz 2022, Reckermann et al. 2024, Schlaak & Willems 2022), allerdings unterliegt sowohl den „Sprechaufgaben“ in den Lehrwerken als auch den in den curricular festgelegten „mündlichen Prüfungen“ ein monologisches Verständnis von Sprechen als kommunikativer Handlung (vgl. García García 2016), und dies trotz mehrerer Initiativen zur Förderung und Evaluation der Interaktionskompetenz (vgl. Hall 2018, Salaberry & Kunitz 2019, Betz et al. 2023). 

Bevor also interaktionale Kompetenzen in all ihren Facetten gegenstandsangemessen didaktisiert werden können, gilt es zunächst, sie zu verstehen. Geeignet für detaillierte Einblicke in mündliche Praktiken und interaktionale Kontexte für Lehramtsstudierende und Lehrer*innen in der Aus- und Weiterbildung erscheint hier der Einsatz von Methoden der Gesprächsanalyse. Die Gesprächsanalyse verspricht aufgrund ihrer methodologischen Besonderheiten (wie Fokus auf der interaktionalen Mikroebene, Sprecher*innenperspektive, streng deskriptiv-rekonstruktive Herangehensweise an Datenmaterial, Arbeit mit authentischen Daten, Kontextorientierung; vgl. u. a. Bergmann 1981, Deppermann 2008, Sacks 1984) Einblicke in die zentralen Mechanismen mündlicher Interaktion und die diversen situationsspezifischen Ausprägungen kommunikativer Praktiken. Dies kann (angehenden) Lehrer*innen dabei helfen, relevante Analysefähigkeiten zu entwickeln, die für ihre Professionalisierung wichtig sind. Zudem unterstützt es sie dabei, ein fachlich fundiertes Verständnis von mündlichen Praktiken und interaktionalen Prozessen aufzubauen, im (späteren) Unterricht umzusetzen und zu vermitteln (u. a. García García et al. 2023; für eine sprach(en)- und kultursensible Perspektive vgl. Becker & Kupetz 2019). 

Ziel des Heftes ist es, die verschiedenen Aspekte der Didaktisierung und Vermittlung interaktionaler Kompetenzen aus einer wissenschafts- und hochschuldidaktischen Perspektive (vgl. u. a. Reinmann & Rhein 2022) umfassend und fachübergreifend zu beleuchten. Einerseits soll gezeigt werden, wie Studierende mit empirischen Audio- oder Videoaufnahmen sowie gesprächsanalytischen Transkripten umgehen, welche Herausforderungen ihnen dabei begegnen und zu welchen ersten ‚Befunden‘ und Interpretationen sie gelangen. Andererseits wird auch die Perspektive der Hochschullehrenden in den Fokus genommen: Hierbei sollen sowohl die Didaktisierung interaktionaler Kompetenzen – einschließlich geeigneter Ideen und Konzepte zur Vermittlung sowie relevanter Materialien – als auch die damit verbundenen Herausforderungen für die Dozierenden kritisch-reflexiv diskutiert werden. 

Dabei können folgende Leitfragen Gegenstand der einzelnen Beiträge sein: 

  • Welche empirischen Erkenntnisse lassen sich in Bezug auf den Umgang von Lehramtsstudierenden und Lehrer*innen mit Gesprächsdaten erschließen? 
  • Welches Wissen zu Mündlichkeit und sprachlicher Interaktion zeigen Lehramtsstudierende / Lehrer*innen bspw. in Fortbildungen? 
  • Welches linguistische Fachwissen (z. B. über Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, aber auch über andere relevante Themenfelder) ist notwendig, um Studierende / Lehrer*innen für mündliche Interaktion und zugehörige Kompetenzen zu sensibilisieren? 
  • Welche fachspezifischen und didaktischen Konzepte zur Vermittlung dieses Wissens gibt es bereits in den Fachdidaktiken und / oder der Hochschuldidaktik? Wie können die einzelnen Disziplinen voneinander profitieren? 
  • Was sind für Dozierende konkrete Herausforderungen bei der Didaktisierung interaktiver Kompetenzen in der Lehrer*innenbildung? 

Es können gemäß der Richtlinien der HLZ konzeptionelle, empirische oder theoretische Beiträge eingereicht werden. Diese dürfen eine Gesamtzeichenzahl von 50.000 Zeichen (inklusive Literatur) nicht überschreiten. Weitere Hinweise zu den Beitragsarten und den formalen Anforderungen sowie die Formatvorlagen für Beiträge finden sich unter https://www.herausforderung-lehrerinnenbildung.de/index.php/hlz/information/authors. 

Alle eingereichten Manuskripte werden ein double blind Peer-Review-Verfahren durchlaufen, auf dessen Grundlage über die endgültige Annahme für das Themenheft entschieden wird. 

Bitte senden Sie Ihre Abstracts (max. 500 Wörter) inklusive Autor:inneninformationen aller Beitragenden formlos an akgelb-orga@uni-koeln.de. Geben Sie hierbei bitte auch an, welche Beitragsart Sie planen. 

Melden Sie sich ebenfalls gerne auf diese Adresse, wenn es Rückfragen gibt. 

Wir freuen uns auf Ihre Einsendungen! 

Vorläufiger Zeitplan: 

bis 28.02.2026: Einreichung der Abstracts 

bis 31.03.2026: Rückmeldung zum Abstract 

bis 01.09.2026: Einreichung der Manuskripte 

bis 15.10.2026: 2-3 Peer Reviews und Editors Feedback 

bis 15.11.2026: Einreichung der Überarbeitung 

bis 31.12.2026: Zweite Review-Schleife 

bis Mitte/Ende Februar 2027: Abgabe der finalen Manuskripte 

Ende März/Mitte April 2027: Erscheinen des Themenhefts 

 

Literatur:

  • Becker, Elena & Kupetz, Maxi (2019). Kulturelle und sprachliche Vielfalt im Klassenzimmer: Heterogenitätssensibilisierung im Lehramtsstudium durch gesprächsanalytisch orientierte Fallarbeit. In Klektau, Claudia, Schutz, Susanne & Fett, Anne (Hrsg.), Heterogenitätssensibilität durch Fallarbeit fördern – Zum Stellenwert von Kasuistik und Inklusion in der Lehrer*innenbildung. Hallesche Beiträge zur Lehrer*innenbildung (1) (S. 39-52). Halle (Saale): Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Zentrum für Lehrer*innenbildung,. 
  • Behrens, Ulrike (2022). Mündliche Kompetenzen im Deutschunterricht. Sprechen und Zuhören als Bildungsaufgabe. 1. Auflage. Hannover: Klett Kallmeyer. 
  • Bergmann, Jörg R. (1981). Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In Schroder, Peter & Steger, Hugo (Hrsg.), Dialogforschung. Jahrbuch 1980 des Instituts für Deutsche Sprache (S. 9-51). Düsseldorf: Schwann. 
  • Betz, Emma, Malabarba, Taiane & Barth-Weingarten, Dagmar (Hrsg.) (2023). Describing and assessing interactional competence in a second language. Applied Pragmatics 5(2) (Special Issue). 
  • Budke, Alexandra (2013). Stärkung von Argumentationskompetenzen im Geographieunterricht - sinnlos, unnötig und zwecklos? In Becker-Mrotzek, Michael, Schramm, Karen, Thurmann, Eike & Vollmer, Helmut Johannes (Hrsg.), Sprache im Fach (S. 353-364). Münster: Waxmann. 
  • Burwitz-Melzer, Eva, Königs, Frank G. & Riemer, Claudia (Hrsg.) (2014). Giessener Beitrage zur Fremdsprachendidaktik. Perspektiven der Mündlichkeit: Arbeitspapiere der 34. Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen: Narr. 
  • Deppermann, Arnulf (2008). Gespräche analysieren. Eine Einführung. 4. Aufl. Wiesbaden: Springer VS. 
  • Fiehler, Reinhard (2015). Die Vielfalt der Besonderheiten gesprochener Sprache - und zwei Beispiele, wie sie für den DaF-Unterricht geordnet werden kann: Gesprächspartikeln und Formulierungsverfahren. In Wolfgang Imo & Sandro M. Moraldo (Hrsg.), Interaktionale Sprache und ihre Didaktisierung im DaF-Unterricht (S. 23-43). Tübingen: Stauffenburg Verlag. 
  • Fiehler, Reinhard, Barden, Birgit, Elstermann, Mechthild & Kraft, Barbara (2004). Eigenschaften gesprochener Sprache (Studien zur Deutschen Sprache 30). Tübingen: Narr. 
  • García García, Marta (2016). Interaktionskompetenz im Fremdsprachenunterricht: Probleme, Möglichkeiten und Perspektiven am Beispiel des Französischen und des Spanischen. Zeitschrift für Romanische Sprachen und ihre Didaktik, 10(1), 93-120. 
  • García García, Marta, Leßmann, Ann-Christin, Sacher, Julia & Winterscheid, Jenny (2023). Gesprächsanalyse als Reflexionsinstrument in der Lehrer*innenbildung – Einführung in die Sonderausgabe. Kölner Online Journal für Lehrer*innenbildung, Sonderausgabe 3, 2023, 1-19. 
  • Hall, Joan K. (2018). From L2 interactional competence to L2 interactional repertoires: reconceptualising the objects of L2 learning. Classroom Discourse, 9(1), 25–39. 
  • Hoffmeister, Toke (2021). Sprachwelten und Sprachwissen. Theorie und Praxis einer kognitiven Laienlinguistik (Sprache und Wissen Band 52). Berlin, Boston: De Gruyter. 
  • Konzett-Firth, Carmen & Wojnesitz, Alexandra (Hrsg.) (2022). Mündlichkeit im Französischunterricht: Multiperspektivische Zugange = L'oralite dans l'enseignement du franc̨ais: Perspectives multiples. Tübingen: Narr Francke Attempto. 
  • Morek, Miriam & Heller, Vivien (2012). Bildungssprache – Kommunikative, epistemische, soziale und interaktive Aspekte ihres Gebrauchs. Zeitschrift für angewandte Linguistik 57, 67–101. 
  • Quasthoff, Uta, Heller, Vivien & Morek, Miriam (Hrsg.). (2021). Diskurserwerb in Familie, Peergroup und Unterricht. Passungen und Teilhabechancen (Reihe Germanistische Linguistik, Band 324). Berlin/Bosten: De Gruyter. 
  • Reckermann, Julia, Siepmann, Philipp & Matz, Frauke (Hrsg.) (2024). Oracy in English language education: Insights from practice-oriented research. Cham, Switzerland: Springer. 
  • Reinmann, Gabi & Rhein, Rudiger (Hrsg.) (2022). Wissenschaftsdidaktik I. Einführung. Bielefeld: Transcript. 
  • Sacher, Julia (2025). Mündlichkeit als threshold concept – metasprachliche Hinweise auf eine wissenschafts-/fachdidaktische Herausforderung. Zeitschrift für Angewandte Linguistik, 83, 327-355. 
  • Sacks, Harvey (1984). Notes on methodology. In Atkinson, J. Maxwell & Heritage, John (Hrsg.), Structures of Social Action: Studies in Conversation Analysis (S. 21-27). Cambridge: Cambridge University Press. 
  • Salaberry, Rafael M. & Kunitz, Silvia (Hrsg.) (2019). Teaching and testing L2 interactional competence. Bridging theory and practice. New York: Routledge, Taylor & Francis Group. 
  • Schlaak, Claudia & Willems, Aline (Hrsg.) (2022). Forderung der mündlichen Sprachproduktion im Fremdsprachenunterricht: Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Tübingen: Narr Francke Attempto. 
  • Zentgraf, Katharina; Prediger, Susanne & Berkemeier, Anne (2021): Fach- und sprachintegrierter Mathematikunterricht am Sprachanfang: Diskursiv reichhaltige, lexikalisch und grammatisch fokussierte Zugänge zum mathematischen Funktionskonzept für Neuzugewanderte. Fremdsprachen Lehren und Lernen 50: 1, 69–88.